| 20.3.2006«Globalisierung», heisst es in einem Lehrbuch, «bezeichnet die Tatsache, dass Menschen damit konfrontiert sind, sozialen Raum und historische Zeit zu teilen.» Diese Definition klingt zunächst mal abstrakt, aber wenn man genauer hinsieht, findet man die Spuren dieses Prozesses inzwischen nicht nur im Ausland- oder Wirtschaftsteil der Zeitung Ihres Vertrauens, sondern auch in den Lokalnachrichten. Berlin etwa klagt zurzeit über Graffiti-Künstler, die Filzschreiber mit Flusssäure füllen, um damit ihre Tags in die Scheiben von U-Bahn-Wagen zu ätzen - eine gefährliche Praxis, da die Dämpfe dieser Säure hoch giftig sind und in der Folge bereits U-Bahn-Stationen für den Verkehr gesperrt werden mussten. Und woher haben die Untergrundkünstler diese Technik? «Dass von Scratchern auch Säure benutzt werde, dieses Phänomen, so die Polizei, komme aus der Schweiz. Dort klagten bereits vor drei Jahren Nahverkehrsbetriebe darüber», weiss die «Berliner Zeitung».
Nun mag der kulturelle Austausch zwischen der Schweiz und Deutschland bei Preisen von 5.99 Euro für einen einfachen Flug nicht unbedingt ein Beleg sein für die Auswirkungen der Globalisierung, aber auch wenn man den Massstab ein wenig verkleinert, findet man ihre Spuren noch unter «Vermischtes». So verschwand südlich von Berlin kürzlich die Metallbüste des Kommunistenführers Ernst Thälmann. Zunächst mal ist man wohl geneigt, dahinter einen politischen Akt zu vermuten, aber die Erklärung ist banaler: Vermutlich waren Altmetall-Diebe am Werk. Die hatten zuvor schon ein Bronze-Wildschwein gefrevelt. Oder aus einem Wohnhaus die Kupfer-Gasleitungen entfernt (und damit einen Gasunfall riskiert), Gully-Deckel geklaut und von der Deutschen Bahn Kabel von den Fahrleitungsmasten demontiert. Ursache für diesen Metallklau sind die gestiegenen Rohstoffpreise, dies wiederum wird dem Hunger Chinas nach Rohstoffen zugeschrieben.
Man hat sich an die Globalisierung als Worthülse gewöhnt. Dass man aber ganz alltäglich riskiert, auf der Strasse (mangels Gullydeckel) von der Globalisierung bzw. vom Erdboden verschluckt zu werden, oder dass man wider alle politische Entwicklung damit anfangen muss, seine Kommunistenführer anzuketten, damit diese nicht geklaut werden, das sind dann schon unerwartete Auswirkungen eines sonst nur abstrakt zu beschreibenden Phänomens. 10.3.2006 Sie sind mir schon gelegentlich aufgefallen, diese merkwürdigen Straßen in Berlin, die als Bezeichnung nur eine Nummer tragen: «Straße 462», zum Beispiel. Es sind sonderbare Leerstellen im urbanen Raum, wo doch sonst alles und jedes symbolisch besetzt wird, und sie stimmen irgendwie auch optimistisch: Die Welt ist noch nicht fertig gebaut, sagen uns die über 400 Berliner Nummernstraßen, es gibt durchaus noch Platz in der Galerie der ehrbaren Menschen. Ahnungslos über die Praxis der Berliner Straßenbenennung, kann man Respekt haben vor der Haltung, erst mal abzuwarten und der Versuchung zu widerstehen, einfach mal eine «Blumenstraße» zu kreieren, nur damit das so seine Ordnung hat mit den Bezeichnungen.
Vielleicht ist man hier aber auch einfach gebrannt. Straßennamen sind Denkmäler. Denkmäler sind politisch codiert, und gerade in Berlin kann man damit nicht vorsichtig genug sein. Nach der Wende gabs mit den Lenin- und Stalin-Alleen genug zu tun für Denkmalstürzer, und noch 2004 warteten 850 Straßen, die von den Nationalsozialisten umbenannt wurden, auf eine Überprüfung, ob der ursprüngliche Name nicht vielleicht doch besser wieder einzusetzen wäre. Als ob man damit nicht genug zu tun hätte, tragen Grüne und CDU derzeit über die Umbenennung der Koch- in die Rudi-Dutschke-Straße einen erbitterten Streit aus.
Auch die «Straße 41», lese ich heute in der «Berliner Zeitung», hätte umbenannt werden sollen (Artikel online nicht verfügbar). In «Susanne-und-Kurt-Crohn-Straße». Bei allem Respekt vor dem Wirken der Crohns in der NS-Zeit, fragten sich aber die Anwohner der Straße, muss es denn so ein Bandwurmname sein?
Straße 41. Warum auch nicht. 17.2.2006Ein Kreuzberger Internet-Café. Zwei etwa zehnjährige Jungs sitzen Rücken an Rücken je an einem Computer, Kopfhörer auf. Gesprochen wird nicht viel:
«Bist du Bulle?»
«Terrorist.»
Ich sehe einem der Jungs über die Schultern. Irgendein Ego-Shooter, der Junge schiesst auf alles, was ihm vor die Flinte kommt.
«Wo bist du? Bist du der da?»
«Ja, folg mir nach.»
«Okay... Nicht so schnell! Ich kann dir nicht folgen!»
«Nicht da, da bist du gleich tot.»
Etc. Die Jungs sitzen immer noch Rücken an Rücken, treffen sich im virtuellen Raum, rennen gemeinsam da rum und schiessen dort - vielleicht - auf Jungs, die sich irgendwo in einem virtuellen Raum Rücken an Rücken gegenüber sitzen. Was bin ich alt geworden... 09.1.2006
Die «Berliner Zeitung» widmet ihre «Reisen»-Seite vom Wochenende dem Silvester im Appenzell und ist damit, da sich ja noch nicht in ganz Appenzell der gregorianische Kalender hat durchsetzen können, noch nicht mal zu spät mit dem Tipp – am nächsten Freitag wird dort bekanntlich nochmals gefeiert.
(Die zugehörige Infografik, ich kann mir nicht helfen, erinnert dabei irgendwie an die vergrösserte Darstellung der Vorgänge in der Zellwand eines Einzellers, aber lassen wir das.)
Für die Appenzeller ist zu hoffen, dass die Berliner ihre Sitten und Bräuche auf ihrer Zweimal-Silvester-Reise zu Hause lassen; eine Bekannte fand ihr «Schweizer Sicherheitsdenken ob der Knallerei massiv herausgefordert», und tatsächlich: Noch am 3. Januar waren die Strassen zwar nicht knietief, aber doch ansehnlich deckend übersät mit Resten von Böllern und Raketen, und meine Lieblingserrungenschaft Berliner Zivilisation, die Altpapiertonne gleich vor der Haustür, lag ausgebrannt im Innenhof.
Einen bewegenden Augenzeugenbericht zu den Vorgängen in Berlin am 31. Dezember liefert «Zeit»-Blogger Don Dahlmann. Fürchte dich, Appenzell! 19.12.2005Zum wiederholten Male ist es mir kürzlich passiert, dass ich bei einer Verabredung am vereinbarten Ort angerannt bin, weil da grad Drehaufnahmen waren. Das ist nicht nur Zufall: Berlin bemüht sich – unter anderem zur Imagepflege – aktiv, Schauplatz für verschiedenste Filme zu werden, zum Beispiel, indem die Gebühr für die Sperrung einer Strasse nur noch rund 50 Euro beträgt.
«In Berlin und Brandenburg zu drehen bedeutet, einmalige Locations zu finden. Die Hauptstadt und ihr Umland bieten unzählige pittoreske Schauplätze für alle Genres, Formate, Visionen und Ansprüche. Berlin-Brandenburg hat die Drehorte, die Ihren Vorstellungen entsprechen», heisst es auf der entsprechenden Website. Im ersten Halbjahr 2005 wurden so bereits 1089 Drehgenehmigungen erteilt. Da kann es auch mal passieren, dass man damit aus Versehen gleich das Image einer anderen Stadt mit aufpoliert. Bei der Jules-Verne-Verfilmung «In 80 Tagen um die Welt» etwa bot der Gendarmenmarkt die Kulisse für das London des 19. Jahrhunderts.
(Falls ihr gleich Lust bekommt, euren nächsten Ferienfilm professionell anzugehen – Formulare gibts hier. Bitte Angaben zur Pryotechnik nicht vergessen. Und eine Liste der aktuellen Produktionen findet sich hier. Wieso auf Madeleine Hirsiger warten für Film-Klatsch?)14.12.2005
Die Tage eines unübersehbaren DDR-Symbols mitten in Berlin scheinen endgültig gezählt: Im Januar soll mit den Abrissarbeiten des Palasts der Reupublik begonnen werden, falls der Abriss nicht in letzter Minute noch verhindert wird.
Der Palast kann in seiner letzten Phase auf eine durchaus kreative Agonie zurückblicken - in den letzten Jahren war er immer wieder Schauplatz verschiedener Kunstaktionen, an denen namhafte Künstler und Berliner Kulturorte beteiligt waren; zuletzt zu sehen war die viel beachtete Ausstellung «Fraktale IV - Tod». Der Titel ist programmatisch, nach ihr soll nun Schluss sein. Endgültig.
An der Stelle des Palastes soll das Berliner Stadtschloss wiedererrichtet werden, das 1950 gesprengt wurde. Realisierbarkeit und Finanzierung dieses Unterfangens sind trotz einer gross angelegten Kampagne noch schleierhafter als sein Sinn, und so reisst der Widerstand gegen den Abriss nicht ab. Der Bund Deutscher Architekten etwa meint, zumindest bis der Nachfolge-Bau gesichert sei, soll mit dem Abriss zugewartet und die kulturelle Zwischennutzung fortgesetzt werden. Es drohe sonst eine jahrelange Brache mitten im historischen Zentrum der Stadt.
Kurz vor dem Abriss hat sich erst Ende Oktober noch ein «Bündnis für den Palast» gebildet, das das Unmögliche versuchen und den Abriss noch in letzter Minute verhindern will – und dabei erstaunlich erfolgreich mobilisiert, auch Prominenz. Getragen wird es aber vor allem von jüngeren Berlinerinnen und Berlinern, die ihre Kraft auch daraus zu schöpfen scheinen, endlich wieder etwas gefunden zu haben, wofür auf die Strasse zu gehen sich lohnt – und endlich wieder mal politisch zu handeln zu können.
Sollten ihre Bemühungen erfolglos bleiben und der Palast nun doch abgerissen werden, bleibt ihnen ein kleiner Trost: Es gibt ihn ja schon, den «Palast für Jedermann» – als Tapete. | |