06.7.2005

Wedelnder Abschied

Von Christoph Link um 15:26 [ Afrika ]
Letzte Tage in Nairobi. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern – unter anderen einem gewissen Herrn Frevel – für die aufmunternden Kommentare zu meinem Weblog. Freitagnacht bringt mich ein Swiss-Flug nach Europa – für immer nach sechs Jahren als Korrespondent in Afrika. Nebenan räumen die Möbelpacker Regale weg und tragen sie runter auf einen Lastwagen der öffentlichen Mua Girls High School im Machakos Distrikt, P.O. Box 361, Telefon 20740, Machakos, Kenia. Die Altmöbel habe ich meinem Bürosekretär geschenkt, der hat eine Tante, die ist Rektorin an der Schule und die hat den Lastwagen organisiert. So ist das hier. Nur das Benzin muss mein Sekretär zahlen, damit er das Hab und Gut per öffentlichem Transportmittel auf sein Dorf schaffen kann. Ein kleiner Beitrag zum G-8-Gipfel, wo ja drüber diskutiert wird, wie man Afrika aus der Patsche hilft. Die Tante sitzt übrigens auch drüben, ist oft in Nairobi, heute aber erstmals im afrikanischen Gewand, und sie gibt mir einen Zeitungsartikel, denn an ihrer Schule sind 60 Kinder schwer erkrankt nach dem Genuss von schmutzigem Wasser. Ob ich jemand wüsste, der etwas spenden könnte für eine Erneuerung der Wasserfilteranlage, der Staat würde natürlich nix tun, man würde jetzt private Sponsoren suchen. Adresse, siehe oben.
Mein Sekretär hat mir zum Abschied einen Wedel aus Pferdehaar geschenkt, ich war gerührt. Das Ding riecht ziemlich streng und ich habe es vorläufig im Kofferraum stationiert, solange ich mein Auto noch habe. Angeblich tauchen es Dorfälteste bei Trockenheit in Wasser und bestäuben damit ihre Gemeinde – für jeden ein Tröpfchen, das ist symbolisch gemeint und stärkt den Gemeinschaftssinn. Was ich damit in meiner Redaktion in Stuttgart anfangen werde, wo ich demnächst tätig sein werde, weiß ich noch nicht. Apropos neue Tätigkeit, ich trete einen interessanten Schreibtischjob an, inwieweit ich da Weblogs verfassen kann, ist mir noch unbekannt. Meine neue Wohnung liegt nur eine Viertelstunde Fußweg vom Büro entfernt, ich durchquere da ein Bachtal mit Wiesen und eventuell gibt es da ja ein paar nette, den Tag aufwühlende Begegnungen – sagen wir mal, einen hoppelnden Hasen oder einen Mountainbiker in pinkfarbener Kluft – die ich Ihnen mitteilen könnte per Weblog aus dem Schwabenländle.

04.7.2005

Live 8 - Das weisse Band der Idiotie

Von Sandra Weiss um 14:56 [ Afrika ]
Was haltet ihr von folgendem Artikel?
Der Spiegel
Ich bin ehrlich gesagt ziemlich entsetzt, wenngleich nicht wirklich überrascht, über dieses bedauernswerte Niveau.
Ich finde es ziemlich schlimm, wenn in so allgemeiner Weise über Entwicklungs- und Solidaritätsarbeit hergezogen wird. Das ist vielleicht postmodern-cool, aber furchtbar zynisch und letzlich der Sache nicht zuträglich. Nicht falsch verstehen: ich bin die erste, die fehlgelaufene Entwicklungsprojekte kritisiert (waren auch schon Artikel im Bund), aber deswegen die ganze Arbeit in Bausch und Bogen zu verurteilen finde ich unfair. Es gibt durchaus auch gute Ansätze und Projekte, die man loben und fördern muss. Und außerdem ist es ja längst nicht mehr so, dass Gelder irgendwelchen Diktatoren unbesehen in den Rachen geworfen werden.
Natürlich kurbelt Entwicklungshilfe immer auch die heimische Wirtschaft an, bietet ARbeitsplätze und gerade im Umweltbereich auch Exportmöglichkeiten - aber ist das denn so verwerflich, wenn es letztlich darum geht, eine für uns alle bessere, lebenswertere Welt zu schaffen?
Im übrigen gibt es durchaus viele Initiativen, die die Struktur der Unterentwicklung und des ungerechten Welthandels erkannt haben, kritisieren und versuchen, Gegenentwürfe auf die Beine zu stellen (z.B. Tobin-Tax: wieviel mehr muss ich doch da Chirac recht geben als Tony Blair mit seinem archaisch anmutenden Klingelbeutel.) Und - auch wenn ihr mich jetzt dafür prügelt - Bush hat nicht unrecht, wenn er sagt, dass die Länder letztlich sich selbst helfen und ihre Entwicklungsmodelle finden müssen, und dass das Geld aus dem Westen dabei nicht ausschlaggebend ist. Das ist richtig, sehe ich ja in Lateinamerika, wo es zu einem Großteil korrupte, heimische Eliten sind, die eine wirkliche Entwicklung verhindern. Nur leider arbeiten die allzuoft mit ausländischen Konzernen zusammen (Bolivien!), und leider praktiziert die US-Regierung ihre eigenen Erkenntnisse in dieser Sache nicht....


20.6.2005

Wer sagt eigentlich...

Von Christoph Link um 15:58 [ Afrika ]
Wer sagt eigentlich, dass es in Afrika immer warm sein muss. Hier in Nairobi ist es bitterkalt, die Morgentemperaturen lagen bei zwölf Grad in meinem kühlen Stadtteil Kileleshwa, ich hoffte dennoch, ging wie immer ohne „underwear“ im leichten Kurzarmhemd hinaus und machte im Auto bibbernd die Heizung an. Auch die vielen Rucksack-Touristen, die jetzt in Kenias Hauptstadt zu sehen sind, glauben an das Synonym von Afrika gleich Hitze, man sieht sie in kurzen Hosen und Badelatschen ohne Socken versteht sich, das sieht witzig aus, wo doch die Kenianer längst mit Stiefeln, dicken Jacken oder Pullover rumlaufen. Winterzeit! Freitag soll das Thermometer auf elf Grad sinken.
Wer sagt eigentlich, dass ganz Afrika entschuldet werden müsse. Sechs Staatschef bei einem Afrikagipfel am Sonntag in Abuja sagen das, wohl in der allgemeinen Entschuldungseuphorie von Tony Blair. Dass nur sechs zu dem Afrikagipfel als G-8-Kontrapunkt kamen, ist ja sowieso schon ein Armutszeugnis, die Afrikanische Union schwächelt mindestens so wie ihr Brüsseler Vorbild, aber dann Entschuldung für alle 53 afrikanischen Staaten zu fordern, das ist genauso ein Unding. Entschuldung für das ölreiche Libyen etwa oder die kleine, reiche Ölfamiliendiktatur von Äquatorial-Guinea, wo der Sohn von Diktator Teodoro Obiang Nguema sich als erster in der Landeshistorie einen Rolls-Royce zulegte?
Meine Finger sind etwas klamm beim Schreiben, jetzt ist es gleich fünfe und ein kalter Platzregen setzt ein, meine Nase friert, die Kälte kriecht mir den Rücken runter, Haaatschi! Entschuldigung.

08.6.2005

Der weiße Mann

Von Christoph Link um 17:40 [ Afrika ]
Der weiße Mann und Afrika. Das Verhältnis ist ja wohl immer noch heikel. Wir hatten unser Treffen für Auslandskorrespondenten gestern Abend in Nairobis Innenstadt im "Soundss", weil unser nobles Vereinslokal im schicken Hurlingham renoviert wird. Danach stand ich um halb zehn mit einem deutschen TV-Kollegen auf der Kaunda-Street und half ihm mit einer Fußdruckluftpumpe aus meinem Auto bei seinem Landcruiser aus. Denn der war platt. Wir pumpen abwechselnd, eine alte Bettlerin zupft an meinem Ärmel und zwei wirklich blutjunge Kinderprostituierte nähern sich. Dick geschminkt. Sie lächeln uns an. Vielleicht 12 oder 13. Entrüstung beim Luftpumpen, wer sind die Kunden von diesen Kindern? „Naja, ich glaube Muzungus (Weiße, Anmerkung des Weblogisten) – können das nicht sein“, sagt mein Kollege. Wetten möchte ich auf diese Aussage nicht abschließen, ist der Weiße der bessere Mensch? Nachts auf der Kaunda-Street ist aber kein guter Platz zum Debattieren. Weiß-Schwarz. Die Diskussion findet wieder statt. Im Internet heute eine Story des BBC, über eine Afrikaner-Ausstellung im Zoo von Augsburg, klingt ziemlich rassistisch – mal sehen, ob die deutsche Presse daraus was macht. Heute dann Bush und Blair, die Retter Afrikas. Sei ja alles gut, mit der Entschuldung, meint meine kenianische Morgenlektüre „Daily Nation“ sie attestiert Blair aber auch „missionarischen Eifer“ und stellt „koloniale Strukturen“ fest. Gerade kommt eine Anfrage aus einer Redaktion in Berlin. Bob Geldofs Rettungssingerei – Live aid oder eight, oder wie das heißt – finde weitgehend ohne schwarze Musiker statt. In England regt man sich da drüber auf. Hier noch nicht. Geldof kennt hier sowieso kein Mensch. Weiße Männer singen zur Rettung Afrikas. Wir weißen Männer haben dem Reifen übrigens genügend Atü beschert für eine Fahrt nach Hause. Ich gab der Bettlerin Geld und wir ließen Kaunda-Street Kaunda-Street sein.

31.5.2005

Glückwunsch, Kenia

Von Christoph Link um 17:01 [ Afrika ]
Nach zehn Monaten in Afrika wieder mal in Europa gewesen. War wohl ein bisschen lange weg. Habe da zwei Wochen gestaunt über die Abwesenheit von Gebrauchtwagen auf deutschen Straßen, über eine seriöse Züricher Zeitung mit einer Doppelseite von ziemlich schlüpfrigen Sex-Anzeigen – seit wann ist das eigentlich erlaubt? - und über diese sterilen Wohngebiete, in denen kein Mensch, Hund, Maus oder Katz’ herumspazieren. Nur Autos parken.

Natürlich vergleiche ich ständig Afrika und Europa. Leute, die länger als zehn Jahre da unten in Afrika bleiben, gewöhnen sich nicht mehr an Europa, sagt ein Freund. Stimmt wohl.

Seit Freitagabend zurück in Kenia. Nairobi wie immer, in den TV-Nachrichten duckt sich Oppositionsführer Uhuru Kenyatta bei einer der Tagesunruhen vor fliegenden Steinen. Auf den Straßen wimmelt und wuselt es wie immer von Passanten. Ein langer Zug von Kindern in roten und blauen Schuluniformen geht im Gänsemarsch, die Autos stoppen für sie, eine Frau balanciert Gepäck auf dem Kopf am Rande der Fahrbahn, ständig muss ich hier aufpassen, keinen umzufahren.

Am Wochenende eingeladen, Bekannte schlachten ein Huhn für mich, binnen 30 Minuten ist es vom Zustand „lebendig“ zu „lecker“ verwandelt.

Erledigungen, Besorgungen. Ein Möbelmacher unter freiem Himmel an der Straße nach Karen repariert mir einen Stuhl und er zeigt mir seinen Bestellkatalog – einen Ikea-Katalog aus dem Jahr 2002, er hat einen ganzen Trupp von Arbeitern beschäftigt, die mit Handbohrern und -sägen schreinern, aber er selbst hat eine Visitenkarte, auf der „Direktor“ steht.

Mein Bürobote hat meine Abwesenheit genutzt und für 20.000 Kenianische Schillinge schwarz telefoniert, das ist ziemlich teuer und frech. Mein Bürofrühstück heute morgen bestand aus Mandazis, Fettgebäck, das nach dem Rauch von Kohlenfeuer schmeckt.

Nachrichtenlage – indifferent. Ein bisschen Äthiopien, Sudan, Kommunalwahlen bald in Burundi, Test für Demokratie und Versöhnung. Das kommt nicht an gegen Europa. Übergehen zum Lunch, Soße und Reis, der Reis knirscht nach Sand: Nur nicht in Armutsromantik verfallen.

Morgen ist Madaraka-Day, es wird der Tag gefeiert, an dem vor 42 Jahren kenianische Politiker die ersten Schritte in die Selbständigkeit unternahmen. Herzlichen Glückwunsch. Ich habe mir einen kenianischen Wimpel mit Plastikständer gekauft, nicht aus Pflicht, ganz freiwillig.

06.5.2005

Schönes Mogadischu

Von Christoph Link um 17:18 [ Afrika ]
Dies war meine Mogadischu-Woche. Eigentlich war ich nur 48 Stunden da, gebibbert habe ich aber länger. Die Stadt ist so kaputt, voller Waffengeklimper und Killer – sogenannten Warlords – die einen zum Essen einladen, dass man sehnsüchtig auf den Flieger wartet, der einen rausbringt.

Trotzdem hat Mogadischu Flair, das sagen alle, vielleicht liegt’s an den weißen Ruinen, den grünen Bäumen und dem blauen Ozean und den im Prinzip pfiffigen Somalis.

Wir – ich und eine kanadische Journalistin – waren mit einem kleinen UN-Team dort, und das hatte sogar einen Sicherheitsbeauftragten. Seinen Namen ändern wir jetzt, sagen wir mal, Mister Brown, ein britischer Ex-Militär, kleiner, knuffiger Typ, der alles im Griff hatte. Der schubste einen ins Auto, trieb einen zur Eile und telefonierte ständig mit Piloten, Chauffeuren und somalischen Sicherheitsmenschen. Brown ist eine Polizeifigur wie aus einem Miss-Marpel-Film, nur war sein Tropenhemd seltsamerweise geflickt und die Flicknaht platzte im Einsatz auf, das sah nicht professionell aus.

Eigentlich wollte uns der somalische Premier bei seiner öffentlichen Versammlung als Garnitur dabei haben, aber als er uns das beim Dinner am Handy mitteilte, blieb den meisten der Hummer im Halse stecken. Brown plädierte für Absagen, aus Sicherheitsgründen, und dann hatten wir gottlob die Entschuldigung, dass die UN früher wegfliegen muss und nicht zur Versammlung kann, New York habe keine Genehmigung gegeben.

Es knallte dann wirklich, acht Tote, weil im Fußballstadion einer eine Granate schmiss. Meine Zeitungen druckten einen kleineren Bericht, wenngleich ich in meiner subjektiven Befindlichkeit da eher ganz groß eingestiegen wäre. Acht Tote in Mogadischu. Die Nachricht muss sich messen lassen an den Bagdad-Nachrichten, gestern 100 Tote, vorgestern 30 Tote und so weiter. Er habe früher in Afghanistan gearbeitet, sagt Mister Brown, das sei okay. Auch Somalia sei okay. Aber Bagdad, nein, da gehe er nicht hin.

Ich habe im Hotel „Shamo“ wieder bei der Souvenirhändlerin mit den zusammengekniffenen Augen gekauft: zwei Kamelglocken aus Holz, ein Kamel aus Holz und eine Neuheit, die es vor drei Jahren nicht gab. Ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Beautiful Mogadiscio“ – schönes Mogadischu.

Später dachte ich, was soll der Kauf, ist doch albern, will doch nur einer aufschneiden. Vielleicht trage ich’s mal bei der Skigymnastik, um vom Bauch abzulenken, oder als oberes Pyjamateil, aber in die Öffentlichkeit kann man doch nicht mit so einem Hemd, ist doch zynisch. Bleibt in der Schublade. Für museale Zwecke.

29.4.2005

Blackout, Volkszorn, dunkel!

Von Christoph Link um 16:10 [ Afrika ]
Er rufe auf dem Handy an, sagt der Redakteur aus Deutschland, da er auf dem Festnetz nicht durchkomme, und er wolle heute eine Geschichte über Togo haben. Das passt mir eigentlich gar nicht, denke ich mir, aber sage es ihm nicht.

In Nairobi herrscht Blackout, Stromausfall seit dem frühen Morgen, in meinem Büro brennt kein Licht, der Drucker geht nicht, die Kaffeemaschine ist kalt, der Akku-Stand meines Laptops sagt mir am Mittag, noch 2:44 Stunden werde das Ding laufen, und überhaupt diese Kollegen aus Europa, die sich immer beschweren über die Telekommunikation: „Herr Link, ich höre sie verzerrt!“ „Herr Link, die Verbindung ist nicht gut, ich höre mich immer als Echo! Ich lege jetzt auf...“ Kann sich keiner vorstellen, dass noch nicht in ganz Schwarzafrika Glasfaserkabel verlegt sind?

Ziemlich gelassen nehmen die Kenianer den Stromausfall hin, die City ist verstopft mit Autos, im Stau an meiner Parliament-Road steht merkwürdigerweise ein roter Traktor, den ich hier noch nie sah. Mein Togo-Artikel ist abgeschickt, es ist später Nachmittag, der Akku-Stand zeigt 0:37 Stunden, aber dieser Computer ist heimtückisch, manchmal säuft er ab, obwohl er mir noch 20 oder 30 Minuten Saft versprochen hatte.

Eigentlich wollte ich im Weblog etwas über den Volkszorn in Kenia erzählen, über die Vergewaltigungsdebatte und dass Politiker und die Öffentlichkeit jetzt seit der Vergewaltigung eines behinderten Mädchens nach der Kastration von Tätern rufen. „Man sollte diese Verbrecher öffentlich ausstellen“, sagte ein Abgeordneter, ohne darauf hinzuweisen, ob nun vor oder nach der „Entmannung“.

Der Volkszorn in Kenia ist eine ernste Sache, aber mir ist er nie ganz geheuer, seit ein Großvater, der mit seiner Enkelin an der Hand im Kibera-Slum spazieren ging, gelyncht wurde, da der Mob ihn irrtümlicherweise für einen Kindsmörder hielt. Die Enkelin des Opfers flehte vergeblich um sein Leben. „Das ist mein Opa, das ist mein Opa!“ Er war schnell tot.

In einer Umfrage des Privatfernsehens KTN stimmten gestern abend 78 Prozent der Zuschauer per SMS für die Kastration, 22 Prozent waren dagegen. So weit der Gemütszustand der Handy- und Fernsehbesitzer in Kenia, und damit verabschiedet sich mein Bildschirm ins Schwarze.

22.4.2005

Süd-Süd

Von Christoph Link um 17:25 [ Afrika ]
Meine Begegnungen mit Süd-Süd nehmen an Häufigkeit zu. Kürzlich sah ich ein asiatisches Pärchen fest umklammert auf einer Honda über die Mombasa-Road in Nairobi brausen, sie mit fliegenden Haaren, beide ohne Helm, es erinnerte ein bisschen an Bangkok oder Kuala Lumpur und sah seltsam aus zwischen den vielen Kleinbussen und Schwerlastern, und angesichts der Tatsache, dass kaum ein Kenianer sich auf ein Motorrad setzt.

In meinem Wohngebiet hat sich eine koreanische Kirche ein mehrstöckiges Gotteshaus gebaut, auf dem Hinterhof hat sie dann still und leise, Stück um Stück erweitert und jetzt steht da eine große Autowerkstatt, spezialisiert auf Auspuffrohre und Stoßdämpfer. Ein Kenianer steht an der Straße mit einem Pappschild und macht Werbung für den Betrieb.

Gestern suchte ich den neusten und coolsten Club von Nairobi auf, das „Casablanca“, auf dessen Parkplatz nur Porsche-Cayenne, Toyota-Landcruiser, BMW oder dicke Mercedes stehen, ein teurer Treff der „Jeunesse d’Orée“ von Kenia. Ministerkinder zechen hier in stilvollem, marokkanischem Ambiente und tanzen eng an eng, aber mein Blick war gefesselt von vier Chinesen, die steif auf dicken Kissen saßen und Wasserpfeife rauchten, zwei Männer im Anzug und Schlips und zwei Frauen, die ihre Limonade durch Strohhalme sogen.

Asia meets Africa. Auf der Asien-Afrika-Konferenz in Jakarta wird derzeit über die guten Beziehungen beider Kontinente beraten, über die steigenden Handelsvolumina und das Interesse von China und Indien an Afrikas Öl und Holz und umgekehrt – über die Importflut von billigen Industrieprodukten aus Asien, vom Plastikstuhl bis zum Plastikspielzeug, die dem heimischen Handwerk in Afrika den Rest geben wird.

Japaner betreiben eine Autofabrik mit 7000 Mitarbeitern in Südafrika, China baut in Angola eine Eisenbahn, Indien liefert billige Aids-Medikamente auf den Kontinent. Und Europa? Schaut zu bei Süd-Süd. Verpasst eine Chance. Hat zuviel Angst vorm Krisenkontinent gehabt. Schläft der eine, macht der andere die Geschäfte. Ob sie fairer sind, das ist die Frage.

15.4.2005

Stoppt die Ausbeutung

Von Christoph Link um 14:13 [ Afrika ]
Der katholische Priester von Kariobangi in Nairobi redet sich richtig in Rage und mir ins Gewissen. Ich sollte mal ins Industriegebiet fahren, und einen Bericht über die Ausbeutung der Textilarbeiter schreiben, empfiehlt mir Pater Paulino. Die schufteten in meisten von Asiaten betriebenen Fabriken für einen Tageslohn von umgerechnet 0,63 Euro, sie würden wie Vieh behandelt.

„Morgens geht das Tor auf, 200 Arbeiter schlüpfen hindurch, dann wird das Tor mit Gewalt wieder zugedrückt ob einer dazwischen hängt oder nicht.“ Arbeiter werden namentlich nicht registriert, abends wieder entlassen und am nächsten Morgen wird erneut ein Schwung eingestellt. Nach Arbeitsunfällen wüßten sie oft nicht, wo sie überhaupt tätig waren.

Wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und schlechten Löhnen hatten vor zwei Jahren erstmals Textilarbeiter in Kenia aufbegehrt, Straßen blockiert und Autofahrer, die nach Indern oder Pakistani aussahen, mit Steinen beworfen.

Im Autoradio höre ich, dass der Sportbekleidungshersteller Nike eine Liste mit 700 Fabriken veröffentlicht hat, die auf eine Einhaltung von arbeitsrechtlichen Standards verpflichtet werden sollen. Die meisten Fabriken liegen in Asien, Prüftrupps sollen sie kontrollieren.

Das ist der einzige Weg für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung und die Globalisierung von Arbeitsnormen: Es muss Transparenz über die Produkte geschaffen werden, die Markenhersteller müssen Verantwortung übernehmen. An einem Baumwollhemd oder einer Hose darf nicht nur das Etikett mit den Hinweisen für Wäschepflege zu hängen, es könnten auch Details über die Produktionsbedingungen und die herstellende Fabrik am Etikett hängen.

Bisher verstecken sich die Ausbeuter in der Anonymität der Entwicklungsländer – das muss anders werden.

11.4.2005

Exit

Von Martin Alioth um 23:02 [ Afrika ]
In der Zeitung gelessen und kurz innegehalten: Südafrikas National Party, die Architektin und Totengräberin von Apartheid, hat sich offenbar übers Wochenende selbst aufgelöst.

Warum lesen wir in der Regel nur von den Begräbnissen und Hochzeiten (jaja, ich weiß) obskurer Potentaten und nicht von solchen Nachrufen?

Natürlich ist die Nachricht aus Pretoria nicht eitel Honiglecken, weil der allmächtige ANC nun noch weniger Wderspruch befürchten muss, aber Zucker ist es trotzdem.

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