29.11.2005

Die ewige Versuchung

Von Sandra Weiss um 17:38 [ Lateinamerika ]
Honduras Wahlen Nehmen wir Honduras, weil es gerade aktuell ist: da sind Wahlen, ein Kandidat proklamiert sich aufgrund von Nachwahlbefragungen zum Sieger, der Wahlratspräsident (von derselben Partei) beeilt sich, das zu bestätigen, aber verlässliche Zahlen liegen auch 48 Stunden nach Ende des Urnengangs nicht vor. So erkennt der Verlierer die Wahl nicht an, die Streitkräfte werden in Alarmbereitschaft gesetzt, das Land hält die Luft an.

So oder so ähnlich geschah dies auch bei den letzten Wahlen in Nicaragua, El Salvador und der Dom Rep, wo nur das energische Auftreten der internationalen Gemeinschaft Schlimmeres (Wahlbetrug, blutiger Nachwahlkonflikt) verhindern konnte. Und sogar bei der letzten Wahl in Mexiko, als Oppositionskandidat Fox am nachmittag nach den ersten Auszählungen deutlich vorne lag, gab es in der PRI Stimmen, doch mal wieder die Computer "abstürzen zu lassen" - wie schon 1988, als Carlos Salinas dank eines solchen Absturzes gewinnen konnte.

Die Versuchung der Wahlmanipulation ist groß in den Ländern meiner Region - obwohl die Militärregime und Diktaturen meist schon eine Weile zurückliegen. Aber die demokratische Kultur ist schwach ausgeprägt. Zum Glück scheitern grobe Fälschungen heutzutage in der Regel an den internationalen Beobachtern (man muss lobend das Carter-Center und die OAS erwähnen, die hier in der Region einen guten Job gemacht haben), aber Schummeleien sind leider weiterhin an der Tagesordnung.

Zu den bekanntesten gehören Stimmenkauf (manchmal reicht ein T-Shirt oder ein Essen), acarreo (die eigenen Wähler am Wahltag mit gecharterten Bussen zum Wahllokal karren) oder subtile Einschüchterung (beim letzten Referendum gegen Chavez hatten alle seine Parteikommandos Computer, in denen genau verzeichnet war, wer das Referendum gegen Chavez gefordert hatte - die Listen waren öffentlich. Selbige galten fortan als Staatsfeinde und wurden aus öffentlichen Ämtern entlassen oder bekamen keinen Job mehr in der Verwaltung. Chavez-Anhänger hingegen pilgerten nach erfolgter Wahl - zu erkennen am tintenbefleckten Finger - in diese Parteikommandos, um Freibier und anderweitige Vergünstigungen zu erhalten).

Ein Wahlergebnis wie jüngst das in Deutschland wäre eine extreme Belastungsprobe für die jungen Demokratien Lateinamerikas. Wir können auf die ein Dutzend Wahlen gespannt sein, die uns in den nächsten 13 Monaten bevorstehen!

Bild: Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Manuel Zelaya warten auf die Pressekonferenz. (key)

28.11.2005

Weihnachts- und andere Dekorationen

Von Markus Schütz um 23:37 [ Bürger und Staat ]
Parabol


In Kreuzberg, diesem Berliner Bezirk, wo verschiedenste Konzepte und Auffassungen von Integration sich bewähren müssen, höre ich in einer urdeutschen Eckkneipe diesen Dialog:

A: Herr Merkel, sagt mir der Vermieter, das Ding muss wieder weg.
B: Aber die Türken dürfen.
A: Jeder hat Anrecht auf zwei Heimatsender, so ist das. Die muss ich per Kabel abonnieren für 13 Euro pro Monat, und die Türken dürfen sich die 13 Euro sparen und eine Schüssel aufhängen.
B: Da würde ich gleich drei Schüsseln aufhängen, det sach ich dir. Sollnse doch in die Türkei, wenn sie fernsehen wollen.
A: Auch die Weihnachtsdekoration an der Haustür musste ich wegnehmen. Wegen dem Tesafilm, der könnte den Lack angreifen.
B: Das versteh ich ja noch. Aber das mit den Türken – das ist 2-Klassen-Gesellschaft.


Das höre ich nun schon zum wiederholten Male, das Gerücht mit dem angeblichen Rechtsanspruch der Türken oder türkischstämmigen Berliner auf ihre Satellitenschüssel, dass ich neugierig werde – wie ist das nun genau mit diesem gesetzlichen Privileg, die Hausfassade verändern zu dürfen? Eine Website mit Urteilen verschiedener Gerichte bringt nur wenig Klärung: Ja, wenn der Mieter sonst keinen «Heimatsender» hat, darf er eine Antenne anbringen; nein, für türkische Mieter gilt das nicht – es gibt genug türkische Sender im Berliner Kabel-Angebot. Und: Ja, auch nach der Einbürgerung darf ein türkischstämmiger Deutscher diese Antennen montieren, wenn er sonst nicht zu seinem Heimatsender kommt, meint das eine Gericht; mitnichten, meint ein anderes Gericht: mit der Einbürgerung erlischt dieses Recht.

Es ist ein verwirrendes Ringen um dieses kleine Symbol an den Balkonen der Mietskasernen der untersten Schichten. Doch so weit weg ist Kreuzberg nicht: Ich erinnere mich an dieses oben angefügte Bild, das ich einige hundert Meter vor dem Minimalzentrum für Asylsuchende auf dem Jaunpass aufgenommen habe. Der Kampf um die Deutungshoheit über Symbole wird auch im Oberland erbittert geführt: «Hier ist Heimatsender».

21.11.2005

Zoo à la Thai: Tiere erst bestaunen, dann gleich fressen

Von Daniel Kestenholz um 08:03 [ Asien ]
Safari-Zoo Thailand plant, bei einem neuen Safari-Zoo in Chiang Mai Fleischgerichte von Löwen, Giraffen, Elefanten, Zebras, Büffeln, Krokodilen und auch Hunden aufzutischen.

Erst soll man die Tiere bestaunen, dann gleich verzehren können.

Tierschützer laufen Sturm, insbesondere in Kenia, wo der thailändische Premier Thaksin Shinawatra soeben auf Besuch war und Kenia für den Export von 175 wilden Tieren nach Chiang Mai dankte.

Zoodirektor Plodprasop Suraswadi beruhigte, beim Zoo werde nicht geschlachtet, die servierten Tiere seien nicht vom Aussterben bedroht und alles Fleisch werde legal importiert. Die Idee zu exotischen Gerichten habe er aus Afrika, wo für Safari-Gäste Raub- und andere wilde Tiere gekocht würden.

Kenias Wildtier-Behörde (KWS) dagegen hat jetzt angekündigt, den Export der Tiere nach Thailand zu überdenken. Von einem Restaurant mit Löwen auf der Speisekarte habe man nichts gewusst.

Thailands WWF nennt das geplante Restaurant namens „Predator“, Raubtier, eine „barbarische Idee“. Es gebe auch keine Garantie, dass wilde Tiere aus Kenia plötzlich auf den Tellern von Thailand-Touristen landen würden.
Das Verständnis in Thailand für Umweltschutz ist bestenfalls rudimentär, Tierschutz geradezu unbekannt. Wilderer haben den Wildtierbestand drastisch dezimiert. Letzter, unberührter Lebensraum schwindet und selbst in Nationalparks kann jagen, fischen und bauen, wer über genügend Einfluss verfügt.

Die neueste Tourismusattraktion nun, Raubtiere durch renommierte Chefköche zu einem Buffet zubereiten zu lassen, zielt vorab auf chinesische Touristen ab, von denen mehr und mehr nach Thailand strömen. Viele Chinesen halten den Verzehr von Wildtieren für ein Aphrodisiakum. Für bestimmte Körperteile von insbesondere Tigern und Bären werden auf dem Schwarzmarkt Wucherpreise bezahlt.

Dass Thailand eine Umkehr von globalen Bemühungen zum Schutz von Wildtieren erwäge, werde die Schuldigen „schon noch abstrafen“, erzürnte sich der thailändische Altpremier Anand Panyarachun, ein Berater des Königs. Die gute Arbeit von Umweltschützern, so Anand, werde durch Leute ruiniert, die um der Profite willen der Natur schaden.

Das exotische Wildtier-Buffet, das um die 100 Euro pro Kopf kosten soll, sei „nicht zu verbieten für Touristen, die diese Küche mögen“, erklärte Zoodirektor Plodprasop. Das sei eben „Marketing“, er werde seinen Plan nicht aufgeben und über weibliche Kritiker machte er sich lustig, er „heiße alle Mädchen willkommen, sich als Protest auszuziehen, dann lege auch ich meine Kleider ab“.

Bild: Elefanten-Safari in Thailand. (adi)

20.11.2005

Können Wahlen Haiti retten?

Von Sandra Weiss um 17:49 [ Lateinamerika ]
Haiti1 Hier ein paar Impressionen aus Haiti - taufrisch, bin soeben zurück. Auch wenn Betroffene es nicht zugeben wollen: Haiti ist längst ein failed state. Bis heute kann die Hälfte der acht Millionen Einwohner weder lesen noch schreiben, acht von hundert Kindern sterben bei der Geburt, gut 90 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten im informellen Sektor, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 52 Jahren.

Haiti2 Haitis Überlandstraßen sind mit Schlaglöchern übersäte Pisten, nur ein Bruchteil der Häuser ist an die Kanalisation oder die Wasserversorgung angeschlossen, nachts liegen die Straßen der Hauptstadt mangels öffentlicher Beleuchtung im Dunkeln. Die Insel ist völlig entwaldet, weil die Armen mit Holzkohle kochen.



Haiti3 Seit der Unabhängigkeit vor 200 Jahren hat es die in Kleinstfraktionen zersplitterte Elite des Landes nicht geschafft, zu einem nationalen Pakt zu kommen, der allen gewisse Machtspielräume ließe. Geschweige denn die Teufelsspirale von Wirtschaftsmisere, Armut, Umweltzerstörung, Drogen und Gewalt zu durchbrechen. Stattdessen bediente sich immer nur der gerade regierende Clan – von Diktator Duvalier bis hin zu dem im Februar 2004 gestürzten Aristide - mit vollen Händen aus der Staatskasse.

Haiti4 Jetzt sollen Neuwahlen - zwei Jahre nach dem Sturz Aristides - unter UN-Ägide Frieden und Fortschritt bringen. Es ist bereits die dritte UN-Mission in 15 Jahren, in denen es kontinuierlich bergab ging. Zweifel sind angebracht.....

Dies also ein paar Eindrücke aus dem Alltag Haitis, was man ja sonst nicht so sieht in den europäischen Medien und daher überhaupt keine Vorstellung hat, was dort vor sich geht.









Haiti5

Haiti6

19.11.2005

Sicherheitsrisiko Journalist

Von Markus Schütz um 14:11 [ Deutschland ]
Noch einmal zu Fussball und zu simplen Anstandsformen in Stadien: Diesmal müssen sich Sportjournalisten zur Wehr setzen.

Die deutschen Journalisten – die ja nach bekannt gewordenen Bespitzelungen durch den Bundesnachrichtendienst bereits genug Ärger mit unkontrollierter Behördenneugier haben – sind empört darüber, dass sie und ihre ausländischen Kolleginnen und Kollegen vom Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz überprüft werden sollen, bevor sie in die WM-Stadien gelassen werden (der Deutsche Journalisten-Verband protestiert.) Es gehe nicht an, dass Journalisten als Sicherheitsrisiko und nicht als Partner gesehen würden.

Betroffen sind neben Journalisten auch Putzkräfte, freiwillige Helfer – und Spieler. Tatsächlich läge eine Überprüfung von Schiedsrichtern oder Fifa-Funktionären näher...

17.11.2005

"Ich, Türkeireise? Ha!"

Von Daniel Kestenholz um 06:38 [ Europa ]
Habe schon mal Probleme, eine "Kategorie" für diesen Blog zu finden - Europa? Dachte doch bis gestern, die Türkei befinde sich in oder wenigstens teilweise in Europa. Schliesslich werden die Türken in ein paar vielen Jahren EU-Mitglied.

Und dann das. Jagdszenen.



Habe das Spiel der Spiele der Spiel zwar nicht gesehen, doch was man Foren und Berichten entnimmt, war das nicht nur das Inferno von Istanbul, sondern eine Beleidigung der ursimpelsten Anstandsformen, zu der eine mehrtausendjährige menschliche Entwicklungsgeschichte gefunden hat. Oder eben nicht gefunden hat.

Dann brennt nebenan Frankreich und man fragt sich, ja mein Gott, immer nur lieb, sozial, anständg und dann auch noch humanitär sein - hilft das weiter, wenn das Tier Mensch in seine baren Instinkte abfällt.

Rief mich doch prompt ein Freund an. Er werde seinen Türkei-Urlaub im Frühjahr annullieren. Damit nämlich mache er, wozu Politiker nicht die Courage hätten, nämlich dieses Volk, das seine Nati-Spieler beleidigt habe, um sein hart erspartes Geld zu bringen. "Ich, Türkeireise? Ha!", so der Freund.

Wusste nicht, was antworten, schliesslich sind uns demographische Integration und das Klammern an Toleranz in die Gene geimpft.

Musste meinem Freund sagen, beim Match seien ja nur ein paar zehntausend Hitzköpfe gewesen. Die seien doch nicht repräsentativ für das Vielmillionenvolk - und überhaupt sei das ein heissblütigerer Menschenschlag, die Wut am Bosporus werde sich nach und nach legen durch Ausreden, Ausflüchte und endloses Lamentieren.

Oder sind Räson bei solch emotionalen Themen ganz pragmatische Grenzen gesetzt?

15.11.2005

Trendstadt Berlin

Von Markus Schütz um 22:34 [ Deutschland ]
Ein Gespenst geht um in Berlin, es ist das Gespenst des Stalkers. Stalker sind Leute (meist Männer), die andere verfolgen, ihnen nachstellen, sie mit Briefen und E-Mails belästigen. Was man dem Berliner Publikum mittlerweile allerdings nicht mehr erklären muss, denn die Berichte über Stalking häufen sich seit August auffällig.

Opfer sind meist ehemalige Partnerinnen der Stalker, nicht selten auch Prominente: Franka Potente hat einen, Sabine Christiansen, jetzt auch Yvonne Catterfeld. Die Presse führt damit einen relativ jungen Begriff in die öffentliche Debatte ein (der oben verlinkte Wikipedia-Eintrag datiert von Dezember 2004, die dort angegebene Literatur ist nur unwesentlich älter), aber man braucht kein Prophet zu sein, um ihm eine steile Karriere vorauszusagen: Weitere Bücher sind angekündigt, und Ende Dezember lädt man zur Interdisziplinären Stalking-Konferenz in Frankfurt.

Auf Bundesebene ist ein Gesetz gegen Stalking in Vorbereitung, dessen Inkrafttreten allerdings erst die neue Regierung beschäftigen wird; und wo schon ein Straftatbestand definiert ist, darf der entsprechende Delinquent natürlich nicht fehlen.

(Im «Bund»-Archiv findet man übrigens noch kaum Treffer zum Suchbegriff «Stalking», aber gut möglich, dass sich das bald ändern wird.)

12.11.2005

Entdeckung Amerikas

Von Sandra Weiss um 01:11 [ Lateinamerika ]
Liebe blogger,
heute wollte ich euch mal folgenden Beitrag vom uruguayischen Autor Eduardo Galeano ueber die Entdeckung Amerikas empfehlen. Viel Spass! Einfach diesen Link klicken.

11.11.2005

«Was hat das denn mit Ausländern zu tun?»

Von Markus Schütz um 15:04 [ Deutschland ]
Front_BZKann das auch bei uns passieren, fragt man sich in deutschen Medien jeden Morgen, wenn aus den Pariser Vororten die neuesten Zahlen abgebrannter Autos gemeldet werden, und schickt Journalisten los in die Qartiere mit hohem Ausländeranteil, um dort den Puls zu fühlen.

Dort bekommen sie Überraschendes zu hören: «Was hat das denn mit Ausländern zu tun?» fragt Erkan im Berliner Wedding verständnislos den Journalisten der «Berliner Zeitung» und deren Leser. Der Tenor in den Medien ist klar: So weit ist es in Berlin, in Deutschland (noch) nicht.

Dennoch brennen auch hier die Autos, in zwei Nächten wurden in Berlin von Nachahmungstätern bereits 11 Gefährte abgefackelt. Man nimmts gelassen, bezeichnet die Brandstifter als «Trittbrettzündler», hat ansonsten eher Mitgefühl mit den Wagen und ihren Besitzern als Angst vor weiteren Ausschreitungen; die «B.Z.» nennt akribisch die Marken jedes abgebildeten Autowracks, auch die «Berliner Zeitung» geht ins Detail und porträtiert die Geschädigten Mustafa Kara (Renault Twingo) und Hartz-IV-Empfänger Nazar Ebrahamoglu (Audi 80).

Nicht mal rhetorisch wagt man sich bis zum Äussersten, dem Zugriff auf des Nächsten Wagen; in einer Demo linker Jugendlicher vor dem Willy-Brandt-Haus gegen die SPD-Politik nimmt ein Redner zwar auch Bezug auf die Vorgänge in Paris («Sonst fangen wir auch an, Autos abzufackeln»), hält dann aber inne und denkt laut weiter, das wolle er eigentlich nicht, möglicherweise zünde man das Auto eines Hartz-IV-Empfängers an, «und dann hat er gar nichts mehr».

04.11.2005

Gipfel-Augenblicke

Von Sandra Weiss um 23:18 [ Lateinamerika ]


Soeben hat Argentiniens Präsident Kirchner seine Eröffnungsrede beim Amerika-Gipfel gehalten. Bush gab sich interessiert. Als Kirchner die aus seiner Sicht gescheiterten neoliberalen Wirtschaftstheorien mit dem magischen Realismus eines Gabriel Garcia Marquez vergleicht, guckt Bush zu Condoleeza und fragt "what"? Dann fordert Kirchner eine Reform der Internationalen Finanzinstitutionen. Applaus brandet auf. Bush klatscht vorsichtig und guckt fragend wieder zu Condi, ob das wohl jetzt angebracht sei. Wir warten gespannt, ob er seiner Außenministerin diesmal auch einen Zettel rüberschiebt und fragt, ob er jetzt mal Pipi machen kann.

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