| 31.8.2005Binyamin Netanyahu, kurz Bibi (der unpassendste Spitzname, den man sich vorstellen kann), greift nach der Krone. Wer hätte je gedacht, dass Ariel Scharon von rechts herausgefordert wird? Die normative Kraft des Faktischen ist wieder mal schuld. Aber Bibis Opportunismus ist atemberaubend. Da sitzt er als Finanzminister in der Regierung Scharon, wartet, bis die Räumung des Gaza-Streifens unmittelbar bevorsteht, und entdeckt plötzlich sein politisches Gewissen.
Jetzt, wo die Tat, die Likud stets von sich wies, vollbracht ist, will er im Trüben fischen und Scharon stürzen.
Das israelische Publikum, so sagen Leute, die etwas davon verstehen, wird sich nicht einwickeln lassen. Aber Likud?
Macchiavelli war ein Stümper dagegen. Für den Nahen Osten allerdings ist diese Entwicklung keineswegs lustig.
P.S. Eine Kleinigkeit noch. Auf Deutsch schleicht sich immer öfter das Wort "ultimativ" in der Bedeutung "in der Wolle gefärbt" oder "perfekt" ein. Ein reiner Anglizismus. Netanyahu ist "the ultimate opportunist", aber ultimativ auf Deutsch ist lediglich ein hässliches Adjektiv zum Ultimatum. 30.8.2005In einigem ist meine Wahlheimat Thailand rückständig, in anderem geradezu wegweisend – so bei seiner Kampagne gegen das Rauchen. Auf Zigarettenpackungen gehören im Königreich neuerdings Horrorfotos von sterbenden und gestorbenen Rauchern aufgedruckt. Nach Behördenangaben haben die grässlichen Fotos die Zahl der Raucher in wenigen Monaten solide gesenkt.
Rauchen in Thailand fällt schon so schwer. In jedem Restaurant und öffentlichen Gebäude herrscht Rauchverbot. Auch beim Kauf von Zigaretten gibt’s jetzt das Rauchen schwer gemacht. Der Markenschriftzug der Zigarette ist bloss noch klein angebracht. Den grössten Teil der Verpackungen füllen widerliche Fotos von Raucherkranken aus. Die Aufnahmen zeigen ein vom Rauchen verschwärztes Gebiss, Totenköpfe, einen geöffneten Brustkorb mit Krebslunge oder eine zerfurchte, von Qualm umhüllte Greisin.
Rauchen in Thailand ist schon fast Volkssport. Wie viele Länder Asiens ist auch Thailand ein Land der Kettenraucher. Das soll ändern. Seit März hat mindestens die Hälfte beider Seiten einer Zigarettenschachtel von warnenden Horrorfotos bedeckt zu sein. Je nach Foto steht darüber in grossen Thai-Lettern aufgedruckt: Rauchen kann Kindern schaden, den Kehlkopf schädigen, vorzeitiges Altern und üblen Atem verursachen, Lungenkrebs auslösen und, ja, töten.
Intensive Antikampagnen Öffentlichkeit vergraulen nicht nur Thailands Rauchern die Freude an ihrer Sucht. Erfolgreich sind auch Thailands Kampagnen gegen Aids sowie ein neuerlicher Kehraus im Rotlichtmilieu. In breiten Kampagnen wird überdies vor übermässigem Alkohol- und Pillenkonsum gewarnt. Alkoholische Getränke dürfen nur noch um die Mittagszeit und am Abend verkauft werden. Viele Bürgerinnen und Bürger verurteilen derlei Kampagnen als Eingriff in ihre Privatsphäre. Gesundheitsexperten dagegen loben das Königreich für seine Aufklärungsbemühungen insbesondere zu den Gefahren von Tabak. Thailand verfügt weltweit über eine der fortschrittlichsten Gesetzgebungen zum Schutz vor Tabakwerbung und dem unfreiwilligen Ausgesetztsein von Rauch.
Für Thailands Kettenraucher aber, die unappetitliche Verpackungen nicht vertragen, ist bereits Abhilfe geschaffen. An Strassenständen werden leere Zigarettenschachteln mit den alten, grossen Marlboro- und anderen Schriftzügen verkauft. Die Originalschachtel mit den unschönen Fotos wirft man weg und steckt die Zigaretten in die neue Schachtel, damit man beim Rauchen nicht ständig daran erinnert wird, was Rauchen ist. Ich komme soeben mit neuen Erkenntnissen aus meinem Fitness-Studio. Bisher üblich war eine Step-Aerobic-Klasse, in der wir eine kleine Choreographie erlernten. Das wurde jetzt abgeschafft, weil die Leute immer weniger in der Lage und gewillt sind, auch die einfachsten Schritte zu lernen und sich zu merken (Originalton Trainer). Und das sei generell der Trend heutzutage im Fitness-Bereich. "Die Leute wollen nicht mehr nachdenken."
Man könnte jetzt vermuten, das sei halt ein Problem hirnloser Anabolika-Fresser. Aber dem ist nicht so. Unseres ist ein Frauen-Studio, Mittelklasse, was man so früher "Bildungsbürgertum" nannte. Also auch nicht die von unübertrefflicher Frivolität geprägte Oberschicht des Rio de la Plata, die das Denken schon lange aufgegeben hat bzw. nur noch daran denkt, wie sie mehr Geld machen kann, wann sie das nächste Mal zum Shoppen nach Miami fliegt und die ihre Stimme dem Busenwunder Moria Casan gibt, die ihr Reize für eine rechte Gruppierung zu Markte trägt....
Leider hat dieser Trend zur Hirnlosigkeit längst um sich gegriffen. Angefangen bei Schuldirektoren, die nichts daran finden, McDonald in die Schulkantine zu lassen, über Teens, für die Lehrer und Lernen eine unerträgliche Plage sind, die man halt den Eltern zuliebe über sich ergehen lässt. Oder Normalbürger, die sich täglich von Seifenopern und Big Brother zudröhnen lassen (hier ist derzeit besonders beliebt eine Reality-Show, bei der besonders hässliche Teilnehmer durch Schönheitsoperationen zu Models getrimmt werden und inzwischen gibt es hier Väter, die dem Trend folgende ihren Töchtern zum 18. Geburtstag eine Schönheitsoperation schenken).
Und es endet bei Wirtschaftsbossen und Politikern, die nichts Schlimmes daran finden können, ihre Wälder abzuholzen oder durch Zellulosefabriken mit Uralt-Technologie verseuchen zu lassen, sofern es Geld und Stimmen bringt. (siehe Bush, den auch der x-te Hurrikan über den USA nicht dazu bringen kann, über die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls nachzudenken)
Offenbar kommt der Menschheit die Fähigkeit abhanden, Dinge zu hinterfragen.
25.8.2005 Der "Daily Telegraph" titelt heute mit Bezug auf den Textilstreit der EU mit China über die "Bra Wars". Der zuständige und fehlbare EU-Kommissar Peter Mandelson kommt nicht sehr gut weg dabei.
Die Unfähigkeit des britischen Kommissars sollte uns indessen nicht wundern. Mandelson hätte nie und nimmer Minister, geschweige denn Kommissar werden dürfen, denn er kann letztlich nur eines: Intrigen spinnen.
Der als "Prince of Darkness" verspottete und gefürchtete ursprüngliche "Spin Doctor" Blairs hat ein sehr zweideutiges Verhältnis zur Wahrheit. Das kostete ihn schon zweimal sein (britisches) Ministeramt.
Doch Blair scheint irgendwie in seiner Schuld zu sein; er holt ihn jedesmal wieder aus der wohl verdienten Versenkung.
Als Nordirlandminister und Nachfolger der eben verstorbenen Mo Mowlam hatte Mandelson letztlich nur eine wichtige Aufgabe (der Friedensprozess wurde stets von Blair selbst betreut): die Polizeireform. Diese vermasselte er aber - ohne Not - derart grundlegend und flächendeckend, dass die überfällige Reform um Jahre verzögert wurde. Noch heute kämpft Nordirland mit Mandelsons Eingriffen. Er hatte von Chris Patten (nachmaligem Gouverneur von Hong Kong) einen guten Entwurf erhalten. Vermutlich war er zu faul, sich mit den Einzelheiten zu beschäftigen, und ließ es zu, dass reaktionäre Beamte im Nordirlandministerium die Reform kastrierten. Die Gegenreform war langwierig und politisch kostspielig.
Als die neue EU-Kommission vom EU-Parlament nicht ratifizert wurde, widmete sich Mandelson sofort seiner innigsten Vorliebe: der Intrige und dem Komplott. Doch in Brüssel und Straßburg stießen seine Machenschaften sofort auf Ablehnung.
Es wäre vielleicht an der Zeit, Herrn Mandelson mal einen anständigen Job zu besorgen, der seinen Fähigkeiten entspricht. Pressesprecher für British Nuclear Fuels, zum Beispiel?
Bild: Keystone19.8.2005Es war nur eine kleine Meldung der Nachrichtenagentur AFP, die aber doch Anlass zum Nachdenken gibt: Charterflüge laufen ein 17mal höheres Risiko, abzustürzen. Chartergesellschaften verzeichnen dreimal mehr Todesopfer als Linien. Das sind rein statistische Zahlen für den Zeitraum 1994-2004, die das in der Schweiz (!!) ansässige Archiv für Flugunfälle (BAAA) ermittelt hat.
Zur Erinnerung: auch die vor kurzem in Griechenland und Venezuela abgestürzten Flieger waren Charter.
Rein theoretisch sind die Sicherheitsvorkehrungen für alle Maschinen die gleichen, aber es gibt eben auch noch andere Faktoren. So hatte der Pilot von West Caribbean beispielsweise die zulässige Höchstdauer in der Luft bereits überschritten - Ermüdung? (der Absturz war um 3.30 Uhr morgens). Und der Flieger war eine schon recht altersschwache MDD-82 - denn oft kaufen Chartergesellschaften günstig alte, bei den großen Linien ausgemusterte Flugzeuge auf.
Insofern ist der Preiskampf am Flughimmel mit sehr gemischten Gefühlen zu betrachten. Und das alles sollte man im Hinterkopf behalten, bevor man den nächsten Ferienflug bucht.
15.8.2005- selbstverständlich in Anlehnung an Matthias' untenstehenden Blog.
Und wie sie doch existiert. Weile gerade zum alljährlichen Urlaub in der Altheimat Helvetien und kann mich nach den langen Jahren im Ausland nicht erinnern, eine solche Selbstzelebrierung der Helveten schon mal erlebt zu haben.
Selbst an den Bergen kleben sie mittlerweile, Riesenfahnen mit riesigen Schweizerkreuzen.
CH-Sein scheint dermassen "in", dass ich - oder besser: wir heimgereisten Auslandschweizer uns plötzlich als gewöhliche Kosmopoliten wiederfinden, wo wir doch dachten, die so genannte "Fünfte Schweiz" sei die der schweizerischsten Schweizer.
Man feiert das CH-Sein hierzulande zum Überdruss, nicht? Zum 1. August lautete eine vorherrschende Berichterstattung, warum und weshalb und wieso die Schweiz so wirklich gut sei.
Allenthalben klopft man sich selber und Mitschweizern auf die Schulter - ein Trend, der vor zwei drei Jahren noch mitnichten abzusehen war.
Halt nein, mit keinem Wort habe ich gesagt, dies für gut oder schlecht zu halten. Ist eine reine Beobachtung eines Quasi-Touristen. In Debatten über Graubereiche kann ich mich als Kurzzeitaufenthalter nicht wagen.
Erinnere mich doch aber an jenen österreichischen Kollegen, den ich nach der Tsunami-Katastrophe in Phuket bei der Berichterstattung traf. Er selber hatte in Zürich gejobt und meinte das Schweizer Völkchen doch ein bisserl zu kennen. Für wie toll und gut und überlegen, so der schnippische Kollege, sich die Schweizer doch hielten, während ihre Häuser ähnlich heruntergekommen wie die der Nachbarn seien und von der Kleidung und den Attitüden der Schweizer wolle er erst gar nicht sprechen.
Nun gut. Ein Wiener war's.
Und jetzt schweig ich - mit noch diesem Klick-Querverweis zur soebigen Street Parade, wo wieder bewiesen war, wie erfrischend und von Herzen sich Helveten amüsieren können, ohne gleich dem Ethno-Fieber zu erliegen. Schliesslich gäb's ja auch das Balkan-, das Retro-, das Nihilisten-, das Tropen- und die wie sie alle heissen Fieber.
Nein, ich bin alles andere als ein Raver. Doch Schweiz, nimmst dich etwas zu ernst? 05.8.2005Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika hat soeben ihre neuesten Prognosen für die Region vorgestellt. ( siehe hier). Dabei kommt ein ziemliches Paradox zutage: Rekordwachstum im dritten Jahr, aber zugleich kaum sinkende Arbeitslosigkeit und stagnierende Reallöhne sowie gleichbleibende Reichtumskonzentration (ist in Lateinamerika am krassesten weltweit).
Das heißt konkret wieder mal (wie eigentlich seit der Conquista): Die Gewinne verschwindet in einigen, wenigen Taschen, während die große Mehrheit nix davon abkriegt. Was das mittelfristig für die politische Stabilität dieser Länder bedeutet, kann man sich ja vorstellen.
Die Frage, die ich mir anhand der Entwicklungen auch in Europa stelle, lautet jetzt: ist das ein rein lateinamerikanisches Phänomen, zurückzuführen auf die Korruption, den nichtvorhandenen Rechtsstaat und historisch gewachsene Ausbeuterstrukturen - oder ist es nicht vielmehr so, dass überall auf der Welt die Reichtümer immer ungleicher verteilt werden und Wirtschaftswachstum und Hungerlöhne Hand in Hand gehen (China, oder auch die Ein-Euro-Jobs in Deutschland)? | |